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Einsatz unsicherer biometrischer Verfahren in deutschen Pässen beschlossen

24. Oktober 2004 (starbug)
Die G5-Staaten der Europäischen Union haben am 18.10.2004 beschlossen, in ihre Reisepässe zukünftig digitale Fotos und Fingerabdrücke aufzunehmen. Auf Grund der Unsicherheit der verwendeten biometrischen Systeme rät der Chaos Computer Club dringend von der Einführung ab.

Zur [Interner Link]Pressemeldung des Chaos Computer Clubs

Wenn auf Grund internationaler Bestimmungen nicht auf die Einführung verzichtet werden kann, sollten bei der Umsetzung zumindest folgende Forderungen Berücksichtigung finden.

[Interner Link]Der Forderungskatalog des CCC an die europäischen Innenminister

Erklärtes Ziel des Einsatzes ist eine effizientere Grenzkontrolle durch die computergestützte Identifikationen der Personen. Im Speziellen geht es um die Frage, ob der Passbesitzer auch der Passinhaber ist. So soll verhindert werden, dass Personen mit fremden Dokumenten nach Europa einreisen können.

Außerdem sollen die zusätzlichen biometrischen Merkmale die Fälschungssicherheit der Dokumente erhöhen. Allerdings hat Biometrie kaum eine Chance, einen direkten Beitrag zum Fangen eines Terroristen zu leisten.

Argumente für die Einführung computergestützter Auswertung von Gesichtsmerkmalen bei der Grenzkontrolle gibt es einige. So arbeiten Computer immer mit konstanter Erkennungsleistung. Im Gegensatz zu Grenzbeamten ermüden sie nicht. Auch die Schwierigkeit, Menschen fremder Ethnien zu unterscheiden, hat ein Computer nicht, sofern sich die Entwickler dieses Problems bewusst waren.

Der Einführung widersprechen allerdings die Erkennungsleistungen der meisten Systeme. Diese sind besonders gering, wenn die Lichtverhältnisse am Ausstellungs- und am Überprüfungsort unterschiedlich sind. Das viel gepriesene Aufspüren von Terroristen kann die Technik schon gar nicht leisten. Selbst wenn es eine Datenbank von Bildern gesuchter Verdächtiger gäbe, würde ein Abgleich aller Einreisender gegen diese Datenbank keine schlüssigen Ergebinsse liefern. Das liegt an der Tatsache, dass Gesichtserkennungssysteme für die hierbei durchzuführende Identifikation (1:n Abgleich) völlig ungeeignet sind. Als Folge würden sehr viele Unschuldige verdächtigt werden, und zwar bei jedem Grenzübertritt.

Dem marginalen Sicherheitsgewinn stehen also massenweise Fehlalarmierungen gegenüber, die das System weitgehend unbrauchbar machen würden. Der [Externer Link]Feldtest am Flughafen im US-Bundesstaat Florida lieferte beispielsweise 50 Falschmeldungen täglich und wurde daraufhin nach kurzer Zeit eingestellt. Auch die beiden anderen zur Auswahl stehenden Systeme überzeugen nicht in ihrer Funktionalität. Zwar scheinen sowohl der Fingerabdruck als auch die Iris prinzipiell für die Identifikation geeignet, allerdings fehlen, gerade bei der Iris, noch Tests mit großen Nutzergruppen. Außerdem haben Iriserkennungssysteme oft Probleme mit asiatisch aussehenden Benutzern.

Für Fingerabrucksysteme ergeben sich ähnliche Probleme. So haben ca. zwei Prozent der Bevölkerung keine ausreichend ausgeprägten Merkmale, um die Technik benutzen zu können. Hinzu kommen noch die Probleme bei starker Abnutzung der Fingerkuppen oder bei Verletzungen. Der Bericht des Büros für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB) merkt weiterhin an: "Unter dem Gesichtspunkt der Stabilität ist der Einsatz von Fingerabdruck-Verfahren aufgrund bestimmter Einschränkungen kritisch zu beurteilen." Der Bericht des BSI spricht beispielsweise von einer deutlichen Verschlechterung der Erkennungsleistung mit zunehmenden Templatealter. Hinzu kommt auch noch, dass sich Fingerabdrücke mit einfachsten Mitteln kopieren und relativ unbemerkt am eigenen Finger anbringen lassen. Die angestrebte Sicherheit, Menschen eindeutig zu identifizieren, ist damit weitgehend ad absurdum geführt.

[Interner Link]Wie kopiert man einen Fingerabdruck

Neben den technischen stehen auch noch die gesellschaftlichen Probleme ungelöst im Raum. So stellt die Einführung zusätzlicher biometrischer Merkmale in Ausweisdokumente einen massiven Eingriff in die informationelle Selbstbestimmung der Bürger dar. Völlig ungeklärt ist die Frage nach der Akzeptanz unter der Bevölkerung. Immerhin sehen manche Einsatzszenarien die komplette erkennungsdienstliche Erfassung aller Europäer vor. Nicht zu vernachlässigen sind auch die Kosten solcher Systeme. Für den Ausbau aller Grenzübertrittspunkte an Häfen und Flughäfen rechnete der TAB-Bericht mit einmaligen Anschaffungen in Höhe von bis zu 669 Mio Euro und laufenden Kosten von jährlich 610 Mio Euro nur für Deutschland.

Auf Grund der Faktenlage können wir nur ganz dringend von der Einführung zusätzlicher biometrischer Merkmale in Ausweisdokumenten abraten.

[Mail]biometrie(at)ccc.de


If organized religion is the opium of the masses then disorganized religion is the marijuana of the lunatic fringe.